20. Vienna – City – Marathon 2003

Die Hitzeschlacht von Wien

Angekommen…

Am Freitag dem 23.05.2003 machten sich 3 Mitglieder der Laufgruppe auf den Weg nach Wien um dort am Sonntag am 20. Vienna-City-Marathon teilzunehmen. Nach 7 h Fahrt gut angekommen nahmen wir erst einmal unser Quartier bei der BF Wien in Augenschein. In der Zentralfeuerwache mitten in der City gelegen mit kurzem Weg vom Ziel des Laufes. Leider war das Zimmer im 4. Stock (174 Stufen, der Fahrstuhl kaputt, schlecht nach dem Lauf). Am Sonnabend Besuch des Stephansdoms, Wiener Prater, Stadtrundfahrt, Besuch der Marathonmesse mit Abholung der Startunterlagen, Kaiserschmarrnparty, hier stieß der 4. Läufer samt Fans zu uns und abends ein letztes Mal Nudeln. Die Wettermeldungen ließen für den nächsten Tag nichts gutes erahnen, deshalb schon am Abend vorher Nervosität. Am Sonntag früh gegen 06:00 Uhr wecken, 06:30 Uhr Frühstück und 07:30 Uhr Abmarsch zum Start. Da es schon sehr warm war, hatten wir unsere Laufkleidung schon an und nur eine Trinkflasche in der Hand. Das veranlaßte 2 Wiener Läufer auf der Straße zu der Bemerkung „das sind Profis“!! Machte uns mindestens 5 min schneller ;-))

Im Startraum folgte dann die Ernüchterung. Viel zu wenige Toiletten, so dass notgedrungen lange Schlangen an den Hecken und Zäunen standen und eine „Bullenhitze“ auf dem Asphalt.

Pünktlich 09:00 Uhr der Startschuss, die Temperatur beträgt im Schatten 22 ° C. Nach ca. 3 min war ich über die Startlinie und versuchte möglichst schnell ein gleichmäßiges, aber trotzdem schnelles Tempo zu laufen. Eigentlich war ich gut trainiert (ca. 800km im Training) und wollte meine bisherige Bestzeit von 3:15:15 knacken. Aber mit einer Rückenverletzung kurz vor dem Marathon und den Temperaturen war das natürlich blanke Utopie. Da keiner von uns schon einmal unter solchen Bedingungen gelaufen war, wußten wir nicht so genau wie viel langsamer man ist. Nur das es langsamer geht war klar. Ich hatte mir also vorgenommen, einfach so loszulaufen wie geplant (so um die 4:25 min pro km), mal sehen wie lange es geht, langsamer werde ich von alleine.

Leider waren in meinem Startblock viele langsamere Läufer (trotz angedrohter 10min Strafe des Veranstalters), so dass man entweder hektisch die Straßenseite wechseln musste oder man lief langsamer bis sich eine Lücke auftut. Beides nervt! Bei km 5 war ich im Durchschnitt 4:35 min unterwegs, es war sehr heiß und kein Getränkestand in Sicht. Leichte Panik: ich hatte Durst, sollen wir alle verdursten? Bei km 6 der 1. Photopoint der mitgereisten Frauen, lächeln. Endlich der erste Getränkepunkt. Langsamer werden, 3 Becher trinken 1 Becher über den Kopf schütten. Herrlich kühl. Es ging weiter. Laut Streckenprofil bis km 11 leicht bergauf. Naja, ich merkte nicht allzuviel davon, aber die etwas langsamer werdenden Zwischenzeiten bewiesen das Gegenteil. Endlich wieder trinken, wie gehabt 3 Becher in – einer über den Kopf. Eigentlich ist das nicht gerade zu empfehlen, da nasse Laufschuhe bzw. nasse Laufsocken Blasen provozieren. Aber der gesamte Körper war zu diesem Zeitpunkt sowieso schon pitschnass, also egal. Es ging bergab, ich wurde wieder ein bisschen schneller. Km 15: 4 Becher in 2 auf den Kopf, kurz danach der 2. vorher besprochene Photopunkt. Hallo hier, ich bin gut drauf.

Ein paar hundert Meter weiter fiel vor mir der erste Läufer um. Gott sei Dank waren sofort Rettungssanitäter bei ihm. Bei km 20 wieder das gleiche Ritual, trinken was das Zeug hält, ich nahm den ersten halben Beutel Kohlenhydrate zu mir. Als ich den Halbmarathon bei 1:38:58 h passiere bin ich Realist genug um mich von den geplanten 3:15:00 gedanklich zu verabschieden. 1:33 höchstens 1:35 hätten es sein dürfen. Na egal, ich habe ja eine Ausrede gegen die wirklich niemand etwas sagen kann: DIE HITZE!!

Ein Rettungswagen mit Blaulicht nahm mir die Vorfahrt, die Jungs sind gut beschäftigt. Bei km 22 spürte ich im rechten Fuß die erste Blase, das ist gar nicht gut! Die Läufer bogen in den Prater ein, da stand ein Kellner mit Bier auf dem Tablett. Kurz vor mir nimmt Einer ein Glas und trinkt es aus. Im Vorbeilaufen konnte ich mir nicht verkneifen ihm zu sagen wie „unintelligent“ er ist. Bei km 25 die zweite Hälfte Kohlehydrate und trinken, trinken, trinken. Die ersten kippen sich ganze Eimer über den Kopf, ich beließ es bei 2 Bechern voll Wasser. Jetzt müssten die 4 Kenianer (vom Veranstalter mit Startprämien geködert, während der normale Läufer Startgeld zahlen muß damit er sich so quälen darf) langsam in Zielnähe kommen, 2 Mann hatten eine Bestzeit von 2:06:00. Ob die bei der Hitze auch langsamer sind?

Im Praterpark waren zwei Schleifen zu laufen und etwa bei km 31 rief und winkte mir von der Gegenseite (etwa km 27) Helmut zu. Ihm schien es noch ganz gut zu gehen, mir nicht mehr so richtig. Es fehlte irgendwie der „Biss“ und die km rinnen so dahin. Bei km 32 redete ich mir ein jetzt sind es nur noch 10. NUR NOCH 10 – zu Hause eine lockere Trainingsrunde, unter dem trainiere ich nur selten.

KM 35 ist erreicht, eigentlich ist die nächste halbe Kohlehydrattüte dran, aber ich bin zu apathisch. Diese elende klebrige Masse, ich würde keinen Schluck runterkriegen und lies es einfach weg. Dafür um so mehr trinken. DURST!!!! Wir bogen in die Stadt ein, es ging noch einmal leicht bergauf. Ich wude nur noch selten überholt, konnte aber selbst noch einige abknipsen, welche sich nur noch vorwärts schleppen. Immer wieder Rettungswagen, die Leute kippten jetzt um wie die Fliegen. Mir ging es relativ gut, nur an den Kilometerzeiten ist der fortschreitende körperliche Verfall gut zu dokumentieren.

Bei km 40 nahm ich doch noch einmal etwas Kohlehydrate, aus Angst die letzten km sonst nicht zu überstehen. Es waren jetzt nur noch 2 km, ich war mir ziemlich sicher es zu schaffen, die Zeit ist mittlerweile völlig egal. Später sagen mir die Frauen, welche bei km 41 noch einmal photographierten, dass ich den typischen Tunnelblick gehabt hätte.

Endlich, ich sah die letzte Kurve!! Gott sei Dank! In meinen Oberschenkeln machten sich erste Anzeichen von Muskelkrämpfen breit. Noch einmal rechts und durch das Heldentor in die Wiener Hofburg. Ein grandioses Finale, alle welche es heute schaffen hier durchzulaufen sind irgendwie Helden ( so ein kleines bisschen zumindest). Jetzt kam doch noch so etwas wie der berühmte „Runners high“ in mir hoch. Hatte bis jetzt vergebens darauf gewartet, dafür hatte ich bei km 35 auch den berühmten „Mann mit dem Hammer“ nicht getroffen.

Hinter der Ziellinie die obligatorische Medaille, ich wankte zu den Getränkeständen. Endlich nicht mehr laufen, viel trinken, mir ging es schlecht. Essen konnte ich gar nichts, ich suchte die Massagebänke. Irgendwo sollten welche stehen, als ich sie fand, musste ich mich anstellen. War nicht anders zu erwarten, ich war halt nicht der einzige Läufer und der erste war ich auch nicht ;-))

Ich sank ins Gras bekam aber die Schnürsenkel nicht auf. Ein Läufer neben mir ( er saß schon länger) half mir. Nach 30 min warten war ich dran. Herrlich, mir ging es danach spürbar besser. Nun zum vereinbarten Treffpunkt, es war aber noch niemand da. Ich ließ mich auf dem Rasenfallen und hoffte, dass ich nicht einschlafe. Irgendwann kam Helmut und erzählte mir von seiner Endzeit von 3:56:34 und das er sich schon bei km 35 hat Massieren ließ. Der war schlau. Dort sind nämlich noch alle an den angebotenen Liegen vorbeigerannt. Gemeinsam warteten wir weiter und rätseln über die Endzeit des Siegers. Auf einer Leinwand war ein Läufer zu sehen welcher jonglierend ins Ziel lief. Er hatte 42 km lang während des Laufens jongliert. Ob es der Biertrinker es etwa auch geschafft hat??

Jetzt kamen Klaus und Ralf, zusammen sind sie die letzten schweren km gelaufen und bei 4:39:13 ins Ziel gekommen. Ein letztes Photo dann bewegten wir uns Richtung Unterkunft und denken mit Grausen an die 174 Stufen.

Oben angekommen duschen, ein wenig vor sich hindösen und gemütlich Kaffee trinken. Ralf „wollte“ Sonntag noch bis Venedig (seine Frauen drängelten), er tat uns leid. Nach einer weiteren Stunde Schlaf entschlossen wir uns, uns selbst mit dem größten Schnitzel welches in Wien zu bekommen sein soll, zu belohnen. Die Treppe runter ist eine Strafe, die Schmerzen sind groß!! Schnitzel essen, danach noch ein Bierchen im einem der zahlreichen Biergärten und ab ins Bett.

Am nächsten Tag 6:30 Uhr aufstehen, Frühstück, Schlüssel abgeben, Zimmer bezahlen und ab nach Hause.

Nächsten Tag in der Zeitung die blanken Fakten: Temperatur am Start 22 ° Celsius, im Ziel sind es 33 ° Grad gewesen. Im Schatten wohlgemerkt, etwa die Hälfte der Strecke lag in der Sonne! Gemeldet waren 10.500 Starter, davon etwa 9.000 erschienen, davon ca. 7.651 in Ziel angekommen. Die Siegerzeit 2:15:10 durch Joao Ntyamba aus Angola.

Zusammengefaßt war Wien eine gute Erfahrung welche ich aber nicht zweimal haben muß. Die Stadt selbst ist wunderschön, dort fahre ich auf jeden Fall noch einmal mit meiner Frau hin. Mit Riesenmuskelkater in den Beinen diskutieren wir auf der Heimfahrt über den nächsten Marathon. Budapest wird einstimmig abgelehnt (viel zu warm), bei Stockholm kommen wir uns schon näher. Bis zur Entscheidung haben wir ja noch viel Zeit.

Nach 8 h Heimfahrt glücklich in Dresden angekommen, bis zum nächsten Mal.

Tilo Heschel


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Lass dich nicht gehen – geh selbst! Magda Bentrup

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