Großglockner Berglauf 2014

Noch einmal schlafen, dann schnell mal den Berg hochrennen und Abends Weltmeister werden…

So lautete der Plan, welchen ich am Abend zuvor bei Facebook veröffentlichte.

Das mit dem Schlafen war ja relativ schnell und einfach erledigt. Am Tag davor stimmten wir uns mental schon mal auf Berglauf ein, indem wir unseren Freunden einen Überraschungsbesuch auf der letzten Etappe der 4 Trails abstatteten. Das hat schon mal super geklappt. Dann ab nach Matrei in unsere Unterkunft und am Nachmittag noch die Abholung der Startunterlagen in Heiligenblut. Abends dann die üblichen Startvorbereitungen, wobei das schnell erledigt war. Auf Grund der etwas unsicheren Wettervorhersagen war die Wahl des Dresscodes auf früh verschoben. Laufrucksack war keiner zu packen (4 Labestationen auf 13km sollten ausreichen), so blieb nur der Beutel mit den Wechselsachen für das Ziel zu packen. Schwieriger war da abends schon die Entscheidung, kleines Finale anschauen oder ausreichend schlafen. Für Andrea war die Sache klar, ich dankte den Holländern für die frühe Entscheidung und konnte 22:20 Uhr ebenfalls in die Federn entschwinden.

Am nächsten Morgen Frühstück mit frischen Brötchen und auf in den Startort Heiligenblut. Uns erwartete eine anspruchsvolle, selektive Strecke, welche im Ort beginnt und an der Kaiser-Franz-Josef-Höhe endet. Wir finden einen Parkplatz und sind ca. 45min vor dem Start da. Die Zeit vergeht mit Toilette, warmlaufen (sogar Andrea ;-)), Kleiderbeutel abgeben, Warm up Gymnastik (nur Andrea) und so weiter. 3 Startblöcke a 300 Leute im Abstand von 10 min entlasten die Strecke und das funktioniert auch ganz gut. Wir sind im 2. Startblock, starten also 09:40 Uhr. Es geht gemäßigt los, leicht ansteigend aber alles gut zu laufen. Ich habe Andrea „freigegeben“ sie soll laufen was geht. Das mache ich auch, allerdings wird man an den Endzeiten sehen, was 1.300 Laufkilometer zu 300 Trainingskilometer im Jahr so ungefähr ausmachen. Da wir ohne Rucksack unterwegs sind, ziehe ich ein Radshirt an um das Handy in der Rückentasche zu transportieren und immer mal ein Bild zu machen. Andrea läuft nach vorn weg und nach 2km kann ich sie (auch bedingt durch die vielen Kehren und den Wald) schon nicht mehr sehen. Die Steigung wird etwas mehr, gerade so, dass man ständig überlegt – geht’s noch oder doch nicht mehr-. Irgendwann bei km 3,5 habe ich das Gefühl, dass mein Puls schon zu doll pocht. Kontrolle ist leider nicht möglich, da meine Uhr im Startgewimmel zwar viele Sensoren an Brust und Fuß erkannt hat, aber leider nicht meine. Na toll, Anfängerfehler, hätte ich auch gestern Abend noch mal prüfen können. Naja, ist egal, es sind 13km und laufen tu ich eh was gerade geht.
An der ersten Verpflegung trinke ich 2 Becher und weiter. Der Weg ist jetzt meist so steil, dass ich immer nur gehe bzw. steige. Zwischendurch immer mal ein flacheres Teilstück, allerdings meist relativ kurz, man findet nicht wirklich einen Rhythmus. Zwischendurch mal ein kurzer Abstieg, eine Brücke, Treppen, Wurzelpfade, eigentlich schön abwechslungsreich. Ab und zu hole ich das Handy raus und mache mal ein Foto. Das wird allerdings immer schwieriger und  zeitaufwändiger. Mittlerweile bin ich völlig durchgeschwitzt und habe kein trockenes Fleckchen Stoff mehr am Leib. Der Touchscreen des Telefons quittiert seinen Dienst und verweigert immer öfter die Arbeit. Einsetzender leichter Nieselregen (welcher mir als Läufer eher angenehm ist), überfordert die Technik dann vollends. Auf der zweiten Hälfte der Strecke sind Fotos nur noch mit viel Geduld möglich. Andererseits muss ich ehrlich zugeben, die Pausen kommen mir nicht soo ungelegen um die Pumpe kurz zu entlasten.
Ca. 5km vor dem Ziel sieht man erstmals den Großglockner und kann erahnen, wohin die Reise noch geht. Oberhalb der Baumgrenze führt der Weg jetzt zunehmend durch felsiges Terrain. Jetzt fängt es an im Kopf Spaß zu machen, das ist mein Gelände. Leider sehen das meine Muskeln anders und was soll ich sagen; sie „gewinnen“. Jeder Kilometer ist markiert, aber scheinbar habe ich ein Schild übersehen. Statt „noch 4“ kommt das Schild „3km“ in Sichtweite. Außerdem sind schon leise der Sprecher und die Anfeuerungsrufe der Zuschauer hoch über uns zu hören. Das motiviert noch mal gewaltig.
Der letzte km vor dem Ziel ist ja laut Veranstalter (und laut Streckenprofil) der schwerste. Genau dort ist auch die letzte Verpflegung. Ich habe bis jetzt nur getrunken und mittlerweile einen leichten „Hungerast“. Ein freundlicher „Engel“ reicht mir ein „Spezialangebot“. Eine halbe Banane, garniert mit Schokosoße, darauf ein Klecks Sahne. Ich bin so frei und nehme zwei. Oberlecker, das war die Rettung. Ein schlapper Kilometer noch, kann doch nicht so schwer sein. Mit der Vorbelastung brauche ich allerdings doch eine halbe Stunde bis ins Ziel. Ich muss immer wieder die Wade dehnen, sie will nicht mehr. 300m vor dem Ziel höre und sehe ich Andrea, beim „hoch grüßen“ stolpere ich prompt und bin froh nicht hinzufallen.
Eine letzte Kehre und ich bin im Ziel. Die Uhr zeigt 2h50min. Nicht gerade eine Glanzleistung, aber das war auch nicht mein Ziel. Ich freue mich es geschafft zu haben. Andrea umarmt mich und freut sich mit mir. Sie ist schon 40min da (2h10min). Im Ziel bekommt man neben der Medaille eine Decke zum Warmhalten, welche bei 9 Grad sehr gute Dienste leistet. Ein Becher voll heißer Brühe weckt die Lebensgeister wieder.

Eine sehr gute und ausführliche Streckenbeschreibung mit Bildern (aus dem Jahr 2009) findet ihr übrigens hier.

Ich bin übrigens ca. 30 min vor dem 6-fachen Berglaufweltmeister Jonathan Wyatt im Ziel, ist doch nicht so schlecht oder? Das die 100 Top Athleten 2h 15min später starteten und der Sieger Geoffrey Ndungu (Kenia) die Strecke mit neuem Streckenrekord (1h13min) zurücklegte, muss ich ja niemandem erzählen. Eine super Idee des Veranstalters, da fast alle „Normalos“ schon im Ziel waren, konnten sie den Spitzenläufern von oben beim absolvieren der letzten zwei km zusehen und sie anfeuern.
Nach dem Umziehen und dem Verspachteln der Zielverpflegung ging es für alle mit Shuttlebussen zurück nach Heiligenblut. Von dort zurück zur Ferienwohnung und unter die Dusche. Der Rest des Tages ist warten auf den Anstoß, mitfiebern bis zur 113. Minute (mit Pulswerten wie früh), Torjubel, herbeisehnen des Abpfiffs und Genießen der Pokalübergabe.

Plan zu 100% erfüllt. Super!

Tilo Heschel


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