Mein dritter Berlin Marathon 2005

Im Frühjahr noch war ich recht unentschlossen, ob ich denn überhaupt an diesem Lauf teilnehmen kann und will. Mein Umzug hatte mir fast drei Monate lang Zeit und Kraft geraubt und das Training blieb oft auf der Strecke. Bei den ersten Wettkämpfen in Biehla und Coswig brach ich regelrecht ein und war sehr deprimiert. Doch seit Juli konnte ich dann wieder regelmäßig trainieren und fand meine Gruppe in der Laufgruppe, um wieder aufbauen zu können und obendrein viel Spaß dabei zu haben.

Schon eine Woche vor Berlin erreichte meine Aufregung ungeahnte Ausmaße und ich war ständig mit erhöhten Adrenalinspiegel unterwegs. Mein Gefühl sagte mir, dass ich dieses Jahr eine Zeit unter vier Stunden schaffen kann und will. Nebenher schlich heimlich die Angst, diese Hochform nicht noch eine Woche halten zu können. Jeden Tag verfolgte ich den Wetterbericht und wünschte mir die für mich optimalen 10 bis 15° C. Doch die Temperaturen stiegen über die 20°-Marke.

Ich erzählte ganz vielen Freunden und Bekannten von meinem Zeitziel und setzte mich damit unter den für mich nötigen Druck. Wer scheitert schon gern an sich selbst?

So konnte ich aber auch ganz viele gute Wünsche mit auf den Weg nehmen und sicher sein, dass viele Daumen fest gedrückt werden.

Beim gemeinsamen Nudelessen am Vorabend des Laufes in Berlin bin ich dann völlig nervös. Dennoch kann ich tief und fest schlafen und fühle mich topfit, als mein Wecker morgens klingelt. Ich schlüpfe in Hemd und Hose, mache die Pulsuhr fest… Schock. Die Uhr zeigt nichts an, die Batterie ist leer. Natürlich gerate ich in Panik. Eine so ehrgeizige Zielzeit ist ohne Uhr undenkbar. Ich schicke Kerstin eine SMS. Vielleicht kann sie mir Detlefs Uhr mitbringen, da er gestern krank geworden ist und selbst nicht laufen kann. Meine Tochter sitzt schon am Küchentisch und schraubt ihre Armbanduhr auf, doch die Batterie passt nicht.

Ich rufe Bernd an …und bin gerettet. Er ist schon im Startbereich und leiht mir seine Uhr.

Als ich halb Acht aufs Rad steige und zum Start fahre, bin ich wieder einigermaßen entspannt. Ich hole bei Bernd die Pulsuhr ab und gehe dann zu den Gepäckwagen.

Auf dem Weg zum Startblock stelle ich fest, dass die Pulsuhr immer wieder ihre externen Komponenten sucht, die ich ja nun nicht habe. Jana meint, das kann man abschalten. Nur wie? Gemeinsam suchen wir einen Läufer mit einer solchen Uhr am Arm und werden fündig.

Obendrein erklärt der junge Mann, ebenfalls unter vier Stunden bleiben zu wollen und so beschließen wir spontan, den Lauf gemeinsam anzugehen. Erster Schritt – wir klettern noch fix in den D-Block.

Die Spannung steigt ins Unermessliche, ich scharre wirklich mit den Füßen und die „ridiculous circles“ laufen. Dann kommt endlich der erlösende Startschuss. Wir stellen uns schnell noch einander vor, mein Begleiter heißt Rupert, und starten in der zweiten Welle.

Sofort schlägt Rupert ein zügiges Tempo an, wir nutzen jede sich vor uns bietende Lücke und überholen. Ich fühle mich sehr gut, bin mir aber wohl darüber im Klaren, dass wir recht schnell unterwegs sind. Kann ich dieses Tempo vier Stunden lang halten? Ich hoffe es. Immer wieder schaut Rupert auf die Uhr und wir müssen das Tempo anziehen. Inzwischen sind wir auch schon per Du. Bei Kilometer 10 schaue ich zwei Mal auf meine Uhr. Sie zeigt nur 54:32 Minuten an. So schnell war ich auf dieser Distanz noch nie! Glück und Angst halten sich die Waage.

Weiter geht es. Rupert ist mit unserem Tempo zufrieden und wir haben schon ein kleines Zeitpolster herausgelaufen. Aber wir halten die Geschwindigkeit und korrigieren immer wieder etwas nach. Inzwischen weiß ich, dass Rupert aus Bamberg kommt, Konditormeister ist und gleichzeitig eine Professur in BWL inne hat. So kommt die Halbmarathonmarke schnell näher und ich fühle mich immer noch gut. Ein Blick auf die Uhr: 01:55:54. Ich fasse es nicht, denn auch das ist eine persönliche Bestzeit. Irre!

Wir laufen zügig weiter. Nun werden meine Beine schwer und die Hüftgelenke beginnen heftig zu schmerzen. Spontan beschließen wir, uns „alles“ zu sagen und sogleich meint Rupert: „Ignoriere die Schmerzen einfach. Lauf!“ Okay, ich gehorche und halte das Tempo, das Rupert konsequent angibt. Bis Kilometer 28 laufe ich zäh und habe das Gefühl, da hält mich jemand fest. Ich sehe meine vier Stunden schon dahin schmelzen, doch Rupert weiß, wir liegen gut in der Zeit. Kurzer Stop bei ToiToi und weiter geht es.

Inzwischen ist es schon sehr warm geworden. Wir nehmen an jedem Verpflegungspunkt einen Schluck Wasser zu uns. Ich beherzige Tilos Rat und gieße mir immer reichlich Wasser über den Kopf, der mit nassen Haaren kühl bleibt.

Der Kilometer 30 kommt in Sicht, noch reichlich 12 Kilometer bis zum Ziel. Ich denke an unsere Donnerstags-Runden in der Heide, bei denen Kerstin, Stefan oder Michiel das Tempo machen und ich in letzter Zeit schon gut mitziehen konnte. Genau dieses Tempo laufe ich jetzt. Mir wachsen beinahe Flügel, ich laufe wieder leicht und locker und kann nun Rupert ziehen. Sein Atem wird schwerer und ich merke, dass er Schmerzen hat. Nun muß er mein „Quäl dich!“ ertragen. Immer wieder motiviere ich ihn mit Worten, doch er muß plötzlich abreißen lassen und verschwindet in der Menge. Schade.

Also laufe ich allein weiter, fühle mich richtig gut und glaube fest daran, dass ich es schaffen werde. Bei Kilometer 35 steht meine Tochter, Kuss und tschüss, ich muß weiter. Getragen von unendlichen Mengen Adrenalin oder anderer (körpereigener) Opiate fliege ich quasi an den Kilometermarken vorbei. Mein Zeitpolster hat sich auf eine reichliche Minute reduziert und ich habe noch die Kraft das Tempo wieder anzuziehen.

Endlich biege ich „Unter den Linden“ ein und das Brandenburger Tor kommt in Sicht. Ich treffe Ansgar, der ebenfalls unter vier Stunden bleiben will. Mit Blick auf die Uhr meint er, wir kommen sicher „nach Hause“. Doch ich habe keine Ruhe mehr und will ganz auf Nummer Sicher gehen. Also ziehe ich noch einmal das Tempo an, um ja nicht wenige Sekunden am großen Traum vorbei zu schlittern. Ich laufe über die letzte Matte und halte dann die Uhr an:

03:59:01. Im Prinzip habe ich es geschafft, doch wer weiß? Ich zweifle noch.

Erschöpft und glücklich gehe ich neben Ansgar durch die Zielzone. Wir lassen uns die Medaillen und Folien umhängen, greifen nach Wasser, Äpfeln, Tee, Keksen und schließlich auch dem Iso-Drink, der Magen wird’s schon verkraften. Wir reden über unser Befinden, die Schmerzen und Wehwehchen und kommen so irgendwie bei unseren Gepäckwagen an.

Mein erster Griff geht zum Handy. Kaum eingeschalten piept es und ich kann die SMS mit meiner offiziellen Zielzeit lesen: 03:58:24. Nun ist es amtlich! Mich überkommt eine riesige Welle des Glücks und keiner ist da, der mich halten könnte. Also muß ich diese Welle schnell per SMS verteilen, um sie irgendwie zu beherrschen. Dann kommen schon erste Anrufe und Nachrichten und endlich treffe ich auch Freunde und Bekannte, die ich in meinem Glückstaumel fest umarmen kann. Es ist ganz unbeschreiblich schön, diesen Moment zu erleben.

Und heute, am Montag, bin ich noch immer auf Wolke 9 und steige so schnell nicht einmal auf Wolke 7 ab.

Liebe Dresdner Durchläufer, es ist so schön, dass es euch gibt!

Sylli

PS: Ich habe Rupert dank Google wieder gefunden und mich bei ihm bedanken können.

Sylvia Schubert


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