Rennsteig 2012

Zum 40. GutsMuths-Rennsteiglauf kehre ich nach 30 Jahren zurück an die Stelle, wo ich damals ohne viel Training mit jugendlichem Übermut den berühmtesten Landschaftslauf absolvierte.
Eigentlich hatte ich gesagt, dass ich nicht mehr länger als die 42,195 km laufen will. Dann ließ ich mich doch von meinem Lauffreund André, der auch alles organisierte, zum Supermarathon überreden. Wir fuhren Freitagabend nach Friedrichroda zu Andrés Eltern, es war schwülwarm. Als wir später in Eisenach unsere Startunterlagen abholten, regnete es in Strömen, der angekündigte Wetterumsturz war da. Wir ließen uns im Festzelt die Thüringer Klöße schmecken, die Stimmung war gut, die Organisation perfekt. Wir blieben nur kurz, denn es zog uns doch ins Bett, am nächsten Morgen hieß es 4.30 Uhr aufstehen.

Früh ist es sehr kühl, doch der Regen hat aufgehört. Andrés Vater fährt uns nach Eisenach. Wildschweine stehen am Straßenrand – auf der Laufstrecke möchte ich denen nicht begegnen. Der Inselsberg sieht vom Vorland recht eindrucksvoll aus, den müssen wir bald bezwingen. Der Markt in Eisenach füllt sich, wir suchen nach Bekannten und treffen einen Lauffreund, den ich vom Sinai kenne, der heute seinen zehnten Rennsteig-Supermarathon laufen will. Von ihm habe ich auch den Tipp für die Tempoeinteilung für die 72,7 km. Es ist ganz einfach, ich muss bloß meinen „Tempomat“ von sonst 12 km/h auf 10 km/h umstellen.

Das ist schon etwas schräg, wenn morgens 6 Uhr 2500 Läufer im noch schlafenden Eisenach starten. Den ganzen Tag werden die Temperaturen im einstelligen Bereich bleiben, ohne Regen und mit leichtem Rückenwind sind das ideale Laufbedingungen. Auf den ersten Kilometern wird der Weg schmal und durch die Anstiege ist das Tempo nicht sehr hoch. Die Gefahr sich zu übernehmen, besteht erst einmal nicht. Ca. nach 20 Minuten ist das Feld etwas auseinandergezogen und man kann seinen Rhythmus finden. Ab Kilometer 7 ist man auf dem Rennsteig. Am Km 10 treffen wir Andrea. Bis kurz vor dem Inselsberg sind die Anstiege moderat, dann kommen aber zwei steile Passagen, wo praktisch alle gehen. Bis dahin habe ich André noch bremsen können – das war sein Wunsch – danach beschleunigt er. Vom Gipfel geht es unangenehm steil hinab, bald wird es angenehmer und man kann auch die schönen Ausblicke ins Tal genießen. Am Kilometer 30 wird mir bewusst, dass jetzt noch ein ganzer Marathon vor mir liegt. Die Beine spürt man schon, aber sonst habe ich keine Beschwerden. Nicht nur das Tempo auch die Verpflegung gestalte ich anders als bei normalen Marathonläufen. Bei längeren Gehpausen esse ich Schnitten, Bananen, trinke Tee, Wasser und die legendäre Heidelbeer-Haferschleimsuppe. Die Versorgung ist wirklich topp und die Stimmung an den Verpflegungspunkte toll. Im Wald ist es meistens ruhig, aber nie einsam, denn man läuft ja immer im Pulk, dazu kommen noch zahlreiche Walker. Ich sinniere darüber, dass „SM“ sowohl für Supermarathon als auch für Sadomasochismus steht. Von letzterem fühle ich mich aber weit entfernt. Irgendwie ist man so im Laufen, dass die Zeit und die Kilometer einfach vergehen. Es ergeben sich einige nette Schwätzchen. Angezeigt ist die Entfernung aller 5 km und ich erreiche meist nach 30 Minuten das nächste Schild. Am Grenzadler besteht die Möglichkeit das Rennen vorzeitig zu beenden. Doch nach 55 km sagt man sich, jetzt sind es bloß noch 18 km, das ist ja nicht mehr weit. Ein gutes Beispiel dafür, dass so ein Lauf im Kopf entschieden wird und dass man sich genau auf die Strecke einstellt. Mit zügigem Gehen meistere ich die längeren Anstiege bei Km 43 und 57. Danach erreicht man in der Nähe vom Großen Beerberg den höchsten Punkt der Strecke. Nun geht es meist bergab, die letzten Kilometer verlässt man wieder den Rennsteig und erreicht Schmiedefeld, mit zahlreichen Zuschauern an der Strecke. Die letzten Meter kenne ich schon, sie sind identisch mit der Marathonstrecke. Glücklich laufe ich nach 7:22 h über die Ziellinie. André ist schon über eine halbe Stunde im Ziel. Nach 7:55 h erreicht auch Andrea Schmiedefeld. Wir sind alle glücklich, stolz auf das Geschaffte und die guten Zeiten und zufrieden und genießen die schöne Stimmung im Ziel mit Köstritzer Bier und Thüringer Bratwurst.

Dass das Glücksgefühl nun größer als nach einem normalen Marathon ist, kann ich nicht sagen, wahrscheinlich ist die Endorphinproduktion begrenzt. Ich denke, ich beschränke mich nach diesem großen Erlebnis in Zukunft wieder auf die 42,195 km.

PS Tilo: Neben Reiner waren noch Andrea, Ralf, Steffen, Dirk, Andre und ich über die verschiedenen Strecken im „Einsatz“. Hervorzuheben wären da die Zeiten der beiden Supermarathonis Andre (06:45:06h) und Andrea (07:55:36h) welche beide einen „inoffiziellen“ Durchläuferrekord darstellen dürften. Sie sind jedenfalls beide gewappnet für die kommenden „Ereignisse“ 😉

Reinhard Oertel


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