Salomon 4 Trails 2011

Wie lange werde ich durchhalten?

Schock:
1 Woche vor dem Start bekam ich Schmerzen im rechten Arm – Diagnose: Sehnscheidenentzündung – Folge: Arm bandagiert, PECH (Pause-Eis-Compression-Hochlegen). Jedwedes Training adé. Fraglich, ob in 1 Woche der Arm für den Wettkampf tauglich sein wird.

Tilo: Als Andrea 7 Tage vor dem Start mit Schiene vom Arzt kam war ich echt besorgt. Eine richtige Sehnenscheidenentzündung dauert minimum 10 Tage bis halbes Jahr (bei chronischem Verlauf). Chronisch war es jetzt nicht (die Ursache ist bis heute unklar) aber in einer Woche jeden Tag mit Stöcken Höchstleistungen vollbringen? Jetzt half nur eines, absolute Ruhigstellung. Ich war als Pfleger voll gefordert, da Andrea ja überhaupt nicht still halten wollte, sondern trainieren. Der letzte geplante Test (Saale-Horizontale) fiel somit auch ins Wasser. Danke an Mario, der kurzfristig einsprang.

Dienstag, Ankunft in Garmisch-Partenkirchen. Der Arm war heute schmerzfrei. Die Aufregung stieg. Abholung der Startunterlagen. 19 Uhr erstes gemeinsames Abendessen und ausführliches Briefing.

Tilo: Die Salomon 4 Trails wurden veranstaltet von Plan B. Wie beim TransAlpinRun war alles vorbildlich organisiert. Das ging bei der Ausschilderung im Ort los, Ausgabe der Startunterlagen, Start- und Zielbereich, Pastaparty, Abholung von Taschen aus den Unterkünften, Shuttle-Service, um nur einiges zu nennen.

Mittwoch, 6.07.2011,
1. Etappe: Garmisch-Partenkirchen – Ehrwald
36,2 km / 2.473 Höhenmeter im Aufstieg / 2.176 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 10 Uhr

Ruhiger Start in den Tag. 8 Uhr Frühstück (ideale Zeit für mich). Tilo ermahnte mich ausreichend zu essen. Das bedeutete mehr als sonst für mich üblich.
Die Aufregung war unermesslich als wir in Richtung Start liefen. Ein sonniger, warmer Tag – mir war kalt – ich zitterte vor Aufregung.
Beim Einchecken in den Startblock wurden die Rucksäcke genau kontrolliert. Pflicht war die Mitnahme folgender Ausrüstung: lange Hose, langes Shirt, Regenjacke, Handschuhe, Mütze, ein 1. Hilfe-Set, Ausweis, Geld, Trailbook, Getränk/Verpflegung. Ich hatte alles dabei und konnte „Aufstellung“ nehmen. Tilo erinnerte abermals: trinken und essen!!! Jaaaa, ich war genervt.
Dann endlich – der Startsong ertönte (Highway to hell) – Startschuss – los.
Bis zur ersten Verpflegung (nach 11 km) waren ca. 725 Höhenmeter hinauf und 326 Höhenmeter hinab zu bewältigen. Ich machte meine ersten echten Trail-Wettkampferfahrungen. Je höher ich kam, desto schwindeliger wurde mir. Ich hatte keine Ahnung was das war. Beim Abstieg erholte ich mich wieder. OK, dachte ich. Nicht verrückt machen lassen. Sicher einfach nur die Aufregung.
Nach 18,5 km und 1.200 HM in den Beinen traf ich auf mein Betreuungsteam. Gleich daneben ein Brunnen. Ich bog ab und nutzte das kühle Nass um den Kopf abzukühlen. Jetzt begleitete Tilo mich auf den nächsten 5 km. Und nach ca. 1 km ging es wieder bergan. Es dauerte nicht lange und mir wurde es wieder schwindelig und schlecht. Tilo ermahnte abermals: trinken, trinken, trinken und essen. Trinken ging, essen war brutal. Tilo redete auf mich ein. Er meinte es echt gut mit mir – ich war einfach genervt und erklärte ihm, dass ich an einer Unterhaltung nicht interessiert sei.
Endlich, nach 21 km die zweite Verpflegungsstelle. Tilo verabschiedete sich. Vor mir lag der nächste Anstieg: 4 km und 500 Hm waren zu überwinden. Wieder das mir nun schon bekannte Schwindelgefühl. Auf dem folgenden Bergab-Stück verflog der Schwindel und der Magen meldete sich. Bei jedem Schritt schienen die Magenwände in die Hände zu klatschen. Das Gefühl war mir aus einem anderen Wettkampf bekannt. Damals hatte ich zu wenig gegessen. (Sollte Tilo Recht behalten???)
An der 3. Verpflegungsstelle schaltete ich den Kopf ein und wählte ganz gezielt aus, was ich an Essbarem hinunter bekam und füllte auch die Trinkblase nochmals auf. Tilo stieß wieder zu mir und begleitete mich bis ins Ziel. Er ermunterte mich immer wieder locker zu laufen und vor allem auch ein bissl schneller. Dabei wollte ich am ersten Tag alles schön ruhig angehen lassen. Doch schließlich packte es mich doch und ich fegte mit Spaß bergab. Es war ein schöner Waldtrail.
Nach 7:17 h war ich im Ziel. Erste Etappe geschafft.

Nun folgte die Analyse. Warum ging es mir bergan soooo schlecht? Fazit: bei den hohen Temperaturen hatte ich wohl doch viel zu wenig getrunken und nicht ausreichend gegessen. Am nächsten Tag musste ich die Taktik der Nahrungsaufnahme zwingend ändern. – Leicht gesagt, wenn kein Appetit da ist.
Ein weiterer Kritikpunkt von Tilo: mangelhafter, fast lustlos erscheinender Stockeinsatz. Na der hat gut reden! „Wenn man am Limit kämpft, sieht das eben so aus!“, begründete ich bockig. (Natürlich hatte er Recht.)
Kaum Zeit zum ausruhen. Schnell in der Unterkunft duschen, Wettkampfbekleidung waschen und zum trocknen platzieren, Rucksack für den nächsten Tag vorbereiten und auf zur Pastaparty, die 19 Uhr begann, mit den Siegerehrungen, Bildern des Tages und Video des Tages, sowie Briefing für den nächsten Tag.
Die vermutlich schwerste Etappe stand bevor. Die Wettervorhersage kündigte für Mittag Gewitter und Regengüsse an. Daher wurde der Start eine Stunde vorverlegt.

Tilo: Andrea – wie immer extrem aufgeregt (was ich diesmal sogar verstehen konnte). Ich versuchte sie zu beruhigen so gut wie es ging. Als es 10 Uhr endlich losging wäre ich am liebsten hinterhergelaufen. Die Strecke am ersten Tag war gut geeignet, die Läufer zu treffen. Nach der Hälfte -in Hammersbach- freuten wir uns auf Andrea. Leider war sie nicht so gut drauf (Schwindelgefühle und Magenprobleme). Das kam mir bekannt vor. Da weder die absolute Höhe (1.700m), noch die Streckenlänge (bis dahin 18km) das Problem sein konnten, blieb nur eine Lösung. Es war extrem warm (ca. 25 Grad) und Andrea hatte zu wenig getrunken und gegessen. Bis zur nächsten Verpflegung konnte ich mitlaufen (dort sammelte mich Alice mit dem Auto wieder ein), diese Zeit nutzte ich, um mit Engelszungen auf Andrea einzureden. Einerseits zum animieren von essen und trinken, andererseits um von den Anstrengungen abzulenken. Komischerweise kam das gar nicht so gut an. Sonst will sie immer reden 😉 Nach den 5km hatte sie es aber begriffen und versuchte so gut wie es ging an der Verpflegung Kalorien zu bunkern. Mit ein wenig Bauchschmerzen entließ ich sie auf den letzten Anstieg. An der letzten Verpflegungsstation konnte ich wieder dazu stoßen und sie wieder animieren. Sie hatte sich wieder erholt und lief den letzten Abschnitt des Tages relativ problemlos zu Ende. Bilanz des Tages waren übrigens 2.600 verbrannte Kilokalorien, das macht 500 g Nutella!

Donnerstag, 7.07.2011
2. Etappe: Ehrwald – Imst
43,2 km / 2.663 Höhenmeter im Aufstieg / 2.880 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 7 Uhr

Ich hatte schlecht geschlafen – sicher die Aufregung. Der Wecker klingelt 4:40 Uhr – HILFE! Kurzer Check. Ja die Beine melden, dass sie angestrengt sind. Nutzt nichts. Ich will mich damit nicht befassen. Heute ist schließlich erst Tag 2. Da gilt kein jammern – ich hab das schließlich so gewollt.
Frühstück um 5 Uhr. Keine Uhrzeit für mich! Viiiiiiel zu zeitig!!!! Mit großer Anstrengung würge ich mir ein Brötchen runter. Ich weiß wie wichtig das ist, dennoch, ich habe einfach keinen Appetit.
Auf dem Weg zum Start habe ich zunächst keine Zeit für Nervosität. Ich bin voll Konzentriert auf die Strecke und das geplante Essverhalten.
Im Startblock überkommt es mich dann doch. Leichtes frösteln, die Anspannung steigt. Dann endlich der Startsong ertönt und es geht los.
Nach knapp 5 km erreichte ich die Ehrwalder Alm und hatte den ersten Anstieg (538 Hm) bewältigt. Diesmal ohne Kreislaufprobleme, denn ich hatte die ganze Zeit lang gegessen und getrunken – soweit mir das möglich war.
Nach 10,4 km die erste Verpflegungsstelle (Seebensee). Dann ein weiterer Anstieg bis auf 2.263 m zur Günsteinscharte. Herrlicher Ausblick. Und jetzt ging’s steil bergab durch Schotter und Geröll. Ein Läufer rutschte vergnügt vor mir her und meinte, das wäre wie Abfahrtsski. Naja. Da hatte er wohl Recht, nur machte es mir nicht so viel Spaß wie Ski fahren, denn hier würde ein Sturz wesentlich schmerzhafter sein. Also: Körperspannung und Konzentration! Bis ich mich auf 1.046 m hinab „gearbeitet“ hatte, hatte ich ein gefühltes halbes Kilo Steinchen in den Schuhen. Die Entleerung erfolgte seeeeehr sorgsam, denn ich wollte auf keine Fall Blasen an den Füßen riskieren. Und dann sah ich auch schon Tilo, der mich wieder ein Stück begleitete und nicht mit guten Ratschlägen sparte. An der Verpflegungsstelle (bei km 21,9) achtete er sehr genau darauf, dass ich auch ordentlich Nahrung aufnahm und füllte mir die Trinkblase auf.
Und schon ging es wieder bergan auf 1780 m zur Halmiger Alm. Ich war total angenervt von Tilos Begleitung. Er hatte herrlich frische Beine und war der Meinung ich könnte den Berg wie eine Gämse hinauf springen. Schließlich erklärte ich ihm, dass ich auf seine Gesellschaft keinen weiteren Wert lege und es hilfreich wäre, wenn er mich jetzt wieder allein weiter laufen ließe. So kämpfte ich den Berg hoch und stellte fest, dass ich offensichtlich bei so einem Wettkampf nicht Teamfähig bin.
Die Strecke wurde wieder angenehm hügelig. Die Sonne verschwand, es begann zu nieseln und schließlich heftig zu regnen. Schnell die Regenjacke drüber. Wind und Regen können in dieser Höhe schon echt unangenehm sein. Andererseits war mir diese Abkühlung auch willkommen. Zu früh gefreut, es ging weiter bergan, bis auf 2.200 m und dann war es endlich geschafft für heute – der letzte Anstieg bewältigt. Zwischendurch dachte ich, das hört wohl nie auf.
Jetzt noch 11 km und ca. 1400 Hm bergab ins Ziel. Bei 1.467 m die letzte Verpflegungsstelle. Die Sonne kam wieder raus, es wurde warm und ich trocknete.
So ca. 6 km vor dem Ziel erwartete Tilo mich, um mich wieder ins Ziel zu begleiten (damit ich nicht bummle. J ).
Nach 9 Stunden war ich im Ziel. Ein tolles Gefühl.

Ab in die Unterkunft, das übliche Prozedere und heute mal etwas Zeit zu relaxen, bevor die Pastaparty beginnt. Der Weg dorthin war ziemlich beschwerlich. Die Beine meldeten Muskelkater. Leichtes bergab und Stufen waren ein Graus. Ich war etwas beunruhigt, denn es standen noch 2 Etappen bevor.
Das Briefing versprach eine „entspannte“ 3. Etappe. „Nur“ 1x bergan und 1x bergab.
Es begann zu regnen.

Tilo: Wegen drohender Gewitter wurde der Start vorverlegt, was zeitiges aufstehen bedeutete. Da am Tag vorher erst 10 Uhr gestartet wurde und demzufolge auch alle Läufer relativ spät ins Ziel kamen, blieb wenig Zeit zur Regeneration. Auf der heutigen Etappe konnten wir die Läufer einmal treffen. Von der Bundestraße lief ich die nächsten 4 km mit Andrea bergauf und quasselte sie wieder voll. Essen, trinken (es war wiederum sehr warm), die Stöcke auch nutzen, nicht nur mitschleppen usw. Sie wirkte heute wesentlich entspannter als gestern und als ich Richtung Auto umkehren musste, hatte ich ein gutes Gefühl. Vom Ziel aus lief ich ihr entgegen und die letzten 6 km ging es dann zusammen bergab. Das hatten wir ausführlich geübt und so hatte ich zu tun „dranzubleiben“, denn Andrea hatte bis Imst gute Beine. Heute alles richtig gemacht.
Während sich Andrea heute und in der Gesamtwertung auf einem sehr guten 8. Platz einsortierte, siegte bei den Masterfrauen Gabi Steigmeier und war somit die Führende in der Gesamtwertung. Bei den Männern war Tom Owens (schottischer Meister über 10km) nicht zu schlagen. Auf den zweiten Platz lief -wie schon am Tage zuvor- der junge Deutsche Philipp Reiter.

Freitag, 8.07.2011,
3. Etappe: Imst – Landeck
31,1 km / 1.854 Höhenmeter im Aufstieg / 1.814 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 8 Uhr

Heute wieder entspannter Tagesstart. Der Wecker klingelte erst 5:50 Uhr. 6:00 Uhr war Frühstück, dann begann das Dilemma. Die Beine schrien nach Pause und der Darm entschied sich für Durchfall. Der Kopf begann die Konzentration auf die Etappe zu lenken. Ich redete mir ein, dass es heute entspannt wird. Irgendwie klappte es jedoch nicht, daran auch zu glauben.
Auf dem Weg zum Start nieselte es leicht. Heute wird’s also vermutlich pampig werden.
Auf Grund der Schlechtwetter-Vorhersage gab es eine Streckenänderung. Wir wurden knapp unter dem Gipfel entlang geführt. Das sparte knapp 200 Hm und verlängerte den Kurs um 500 m.

Startschuss. Ich kam nur unter größter Anstrengung und Körperbeherrschung in Tritt. So ziemlich jeder Muskel schrie auf. Die ersten 4 km waren fast flach, so konnte ich mich an den Schmerz gewöhnen und auf den Anstieg „freuen“.
Bis zur ersten Verpflegung (bei km 9.1) lief es planmäßig. Jetzt waren es „nur“ noch ca. 10 km bergan und der Regen hörte langsam auf. Allerdings war es sehr nebelig. Zeitweise echt schlechte Sichtverhältnisse. Dann sah ich durch den Nebel ein Durchläufer-T-Shirt und glaubte zu halluzinieren. Sofort ging ich meine bisherige Nahrungsaufnahme durch. Nööö, ich hatte nach Plan gegessen und getrunken. Aaaaaah, das T-Shirt kam näher und ich erkannte Tilo. Welch Freude!!!! Er wollte mich wieder bis zum Ziel begleiten – also ca. 11 km gemeinsam.
In leichtem bergauf und bergab ging es unterhalb der Glanderspitze einen schönen schmalen Trail entlang. Ich hatte mein Tempo gefunden und war guter Dinge. Tilo versprach, dass hinter der nächsten Kurve bereits die Verpflegungsstation zu sehen sein wird. Freude kam auf. Doch nach der Kurve war nichts als Nebel zu sehen. Ein weiterer km und noch keine Verpflegung in Sicht. Ich war vergnatzt. Diese leeren Versprechungen! Ich forderte Tilo auf ab sofort den Mund zu halten! Nichts ist tödlicher als leere Versprechungen!
Dann endlich – die Salomon-Fahnen wurden gesichtet. Noch einmal ausreichend essen und trinken und dann knapp 9 km bergab ins Ziel. Der Kopf jubelte, die Oberschenkel brüllten. Egal. Tilo hatte festgelegt, dass ich unter 6 h ins Ziel kommen könnte. Also, Zähne zusammen und durch.
Noch 5 km, die erste Unaufmerksamkeit und ich rutschte den Abhang hinunter. Nur ein kleines Stück und es war weicher Rasen. OK. Nichts passiert. Tilo ermahnte mich zu absoluter Konzentration. Toll! Alles gleichzeitig: bergab im zügigen Lauftempo, auf den Boden achten und die Zeit im Auge behalten. Ich fühlte mich getrieben und leicht überfordert. Diese Zeitvorgabe nervte total. Noch 3 km – ich schickte Tilo los ins Ziel. Ich musste mich auf mich selbst konzentrieren und mein eigenes Tempo finden. Rums, da rutsche ich auf einem Felsstück ab und glitt jäääh zu Boden. Ein heftiger Schmerz durchzog mein Gesäß, die Finger brannten. Aufstehen, sammeln, Kontrolle: alles noch dran. Kleine Schürfwunden an den Fingern – es konnte weiter gehen. Ich nahm den Laufschritt wieder auf und legte fest, dass die Zeit vollkommen egal ist. Oberste Priorität hatte jetzt das Thema Konzentration!
Naja, ganz ließ der Ehrgeiz mich nicht in Ruhe. Dann Zieleinlauf – juchuuuuuuuu 5:58 h. Ich konnte es kaum glauben und war überglücklich. Als 9. bei den Master Women lief ich knapp hinter der 9. der Frauen ein. Beide gewannen wir ein paar Kompressionssocken von SIGVARIS plus ein gemeinsames Foto mit Sven der „Stimme der 4 Trails“, der unermüdlich jeden Tag die Läufer früh motiviert auf die Strecke schickte und später herzlich im Ziel willkommen hieß. Ich war im Freudentaumel.
Die Zielverpflegung genoss ich in vollen Zügen. Es gab u.a. leckere Pizza und Alice organisierte mir einen starken leckeren Kaffee.
Bis zur Unterkunft wurde ich mit dem Auto gefahren. Ich schwebte schon auf Wolke 7, dabei stand noch eine weitere Etappe bevor.
Nach der Dusche pflegte ich erst einmal meine kleinen Wunden und bat darum, mir nicht zu sagen wie mein Hinterteil aussah. Ich wollte einfach daran glauben, dass es nicht weiter schlimm sein konnte. Die Schürfwunden an den Fingern waren nicht weiter schlimm. Ich hatte einfach keine Lust mich damit zu beschäftigen.
Ich entschloss mich den Weg zur Pastaparty zu Fuß zu gehen. So zum „ lockeren auslaufen“. Naja, es wurde mehr ein gequältes dahin schleichen.
Noch immer voller Glückshormone holte ich heute bei der Pastaparty sogar Nachschlag und folgte relativ entspannt dem Streckenbriefing für die morgige letzte Etappe.

Tilo: Heute der „Ruhetag“, nur 31km und 1.800Hm. Wir scherzten über diesen kurzen Sprint. Wegen des drohenden Gewitters ab Mittag wurde die Strecke vom Gipfelkamm auf einen Singletrail unterhalb des Kammes verlegt. Das war ganz gut so, das Gewitter kam zwar nicht, aber immer wieder aufsteigende Wolken sorgten für eine schlechte Sicht. Ich fuhr heute mit der Bahn in Richtung Streckenmitte und lief zur Abwechslung bis zum Gipfel der Glandnerspitze. Von dort wieder bergab auf die Strecke. Da sah ich kurz im Nebel die Verpflegungsstation und sie sah relativ nah aus. Ich lief bis zu einem Punkt an welchem ich die Strecke möglichst weit einsehen konnte und wartete auf die Läufer. Außer den ersten 5 Männern erwischte ich diesmal alle und sie waren alle froh, meine Rassel im Nebel zu hören (als Orientierungspunkt bei schlechter Sicht). Heute war der Plan mit Andrea lange bergab bis ins Ziel zu laufen. Leider hatte ich mich im Nebel gründlich verschätzt, was die Nähe der Verpflegung anging. Oh oh, ich musste mir zu Recht einiges anhören. Scheinbar hatte Andrea heute viel Hunger. Von dort ging es dann stetig bergab bis ins Ziel, herrliche Wege bis Landeck. 3 km vor dem Ziel verabschiedete ich mich von Andrea, um vorzulaufen. Einerseits wegen der Fotos, andererseits um Andrea auch virtuell bei Sven anzukündigen. Der wusste mittlerweile, wenn ich komme ist Andrea nicht mehr weit und so eine persönliche Begrüßung setzt noch mal unheimliche Kräfte frei. 05:58h – sag ich doch, das geht unter 6h 😉
Super Etappe von Andrea!

Samstag, 9.07.2011,
4. Etappe: Landeck – Samnaun
45,3 km / 2.909 Höhenmeter im Aufstieg / 2.885 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 7 Uhr

Der Schlaf wurde immer wieder von meinen schmerzenden Beinen unterbrochen. Zum Glück dauerte die Nacht nicht lang. 4:45 Uhr klingelte der Wecker. 5 Uhr Frühstück. Ich hatte wieder Durchfall und leichte Schmerzen im Unterleib. Es schien als hätte ich mir leicht die Blase erkältet. Das fehlte noch.
Der Rucksack fühlte sich heute an wie ein Sack Zement. Die Oberarme jaulten und hatten keine Bock die Stöcke zu tragen, die Beine meldeten Dauerschmerz, der Kopf versuchte sich durchzusetzen und gab den Befehl zur Freude auf die letzte Etappe. Ich dachte darüber nach, im Notfall ja auch wandern zu können. Hoffte jedoch im gleichen Gedankengang, dass dieser Notfall nicht eintreten wird. Immerhin hatte ich gestern gelernt, dass sich die Beine trotz Aufschrei in den Laufschritt bewegen lassen.
7 Uhr – es ging ein letztes Mal auf Strecke. Der Anstieg begann recht „gemütlich“ zunächst auf breitem Weg. So konnte ich den Kopf nochmals programmieren: Ich schaff das!
Nach ca. 5 km – Druck auf der Blase. Auch das noch. Wie soll ich mich mit den Oberschenkeln frei hinhocken?????? Eine echte Tortour. Da kamen mir die Schmerzen im darauf folgenden Laufschritt fast unscheinbar vor.
Ich bemühte mich um ein einigermaßen gleichmäßiges Tempo, einen optimalen Stockeinsatz und fokussierte mich auf die erste Verpflegungsstelle.
Der Rucksack schien langsam den Rücken aufzuscheuern. Nicht angenehm, aber auch nicht wichtig, denn es war ja heute die letzte Etappe. Das Getränk, was ich mir heute gemixt hatte schmeckte fürchterlich. So nahm ich dankbar die Gelegenheit jeder Wasserquelle unterwegs mit.
Nach knapp 3 h erreichte ich die erste Verpflegungsstelle in 2.432 m Höhe (nach 13 km und 1.645 Hm). Es wehte ein heftiger Wind, der sofort auskühlte und mir auch gleich das Cap vom Kopf fegte. Ich wollte „gemütlich“ essen und trinken. Funktionierte nicht. Sobald ich stehen blieb schienen die Waden zu krampfen. Nein bitte nicht! Ich versuchte es mit „wegignorieren“ und einfach weiterlaufen. Der Wind war nervig und außerdem bekam ich Ohrenschmerzen. Also, Rucksack runter, Mütze raus. Herrlich. Die Stimmung besserte sich ein wenig.
Es ging wieder bergab, bis auf 1.965 m. Vorbei an der Kölner Hütte, wo einige Zuschauer zum anfeuern bereit standen. Ich hoffte dort mein Betreuungsteam zu treffen. Leider zerschlug sich diese Hoffnung (so zeitig hatten sie mich nicht erwarten, sie kamen zu spät, wie sie mir im Ziel berichteten) und ich machte mich etwas enttäuscht auf den nächsten Anstieg. Ein interessanter Trail durch Matsch, über Holzroste, durch bzw. über Bäche, steinige Passagen und sumpfige Wiesen. Ich passierte nach 5:21 h in 2.587 m Höhe die 2. Verpflegungsstelle. Die Wadenkrämpfe waren wieder hinderlich. Jedoch war ich mit der Zeit recht zufrieden.
Es ging weiter bergan bis auf eine Höhe von 2.787 m – die Ochsenscharte (der höchste Punkt der gesamten Strecke). Dann ging’s schmerzlich bergab. Mehr oder weniger quer Feldein über Wiesen, durch Pferde- und Kuhherden. Dass ich das überleben könnte, hätte ich nicht gedacht! Ich erklärte jedem Tier, dass ich ein harmloser Wanderer bin und ihm auf keinen Fall etwas tue. Ich bat flehend mir doch bitte auch nichts zu tun.
Ich traf auf ein Rescue-Team, das mich freundlich begrüßte und mit Magnesium versorgte. Die absolute Soforthilfe für meine verkrampften Waden. Durch meine Durchläufermütze wurde ich sofort als Dresdnerin identifiziert und mit einem lustigen Spruch auf die weitere Strecke verabschiedet: „Da könn’ se machen was se wolln, nichts geht übern Dresdner Stolln.“. Mit diesem Vers im Kopf und fast frischen Waden „hüpfte“ ich fast entspannt über die nächsten Blockfelder.
Ca. 3 km vor der letzten Verpflegungsstelle traf der Trail auf eine breite Forststraße. So jetzt konnte ich mal meine eigenen guten Ratschläge, die ich vor drei Jahren so cool den TransAlpinRunners gegeben hatte, in die Tat umsetzen: Schöööööööööön locker bergab rollen lassen. „Locker rollen lassen“ mit den Beinen! Was mich damals wohl geritten hat. Ich verfasste in Gedanken gleich ein paar Entschuldigungsmails.
Endlich erreichte ich die letzte Verpflegungsstelle (nach 7:38 h). Ich befand mich gerade im Runners-High und stopfte Melonen und Orangen voll Freude in mich hinein. Ein letztes Mal Wasser auffüllen, Käsestücken in die Hand und los. Jetzt wollte ich es wissen! Knapp 9 km lagen vor mir. Wie wild rechnete ich alle Geschwindigkeiten durch, um die mögliche Zielzeit zu ermitteln. Für diese letzte Etappe hatte ich gehofft, nicht länger als 10 Stunden zu brauchen. Jetzt schien es möglich unter 9 h das Ziel zu erreichen. Also, Schmerzen ausschalten und laufen, laufen, laufen. Ich visualisierte schon mal den Zieleinlauf.
Der Weg ging leicht bergan, teils gerade und auf den letzten 3 km kamen dann doch noch mal ein paar kleinere kurze Anstiege – der Hass. Da stand dann auch mein Betreuungsteam und puschte mich ein letztes mal auf.
8.37 h – Zieleinlauf. Freudentränen. Unbeschreibliches Glücksgefühl. Für einige Minuten spürte ich den Schmerz in den Beinen nicht, sondern fühlte, wie sich die Glückshormone im Körper ausbreiteten.
Jetzt hatte ich echten Hunger. Abwechselnd aß ich Melone und Pizza und grinste übers ganze Gesicht.

Im Erlebnisbad von Samnaun hatten Läufer freien Eintritt. Dort duschte ich vergnügt und stellte fest, dass ich mir auf der letzten Etappe doch noch einen Sonnenbrand geholt hatte.

Die Pastaparty fand auf der Bergstation „Alp Trida Sattel“ statt. Dort erwartete uns ein traumhaftes Speisenangebot.

Tilo: Heute stand die „Königsetappe“ auf dem Programm. Bei meinen beiden TransAlpin-Teilnahmen war ich immer auf den letzten Etappen super drauf und das versuchte ich auch Andrea zu vermitteln. Man brauchte nicht mehr an morgen zu denken und konnte es genießen, aber auch laufen lassen. Das hatte beide Male super funktioniert. Andrea wollte nur ankommen und machte einen auf langsam, das sollte sich rächen, aber nur für mich. Beim ausgerechneten Schnitt lag ich jedenfalls voll daneben. Heute stand als Höhepunkt das herrliche Streckenstück vom Fisser Joch bis zur Kölner Hütte auf dem Programm. Blöd war nur, als ich 10:15 Uhr mit der Bahn auf dem Fisser Joch ankam war Andrea schon 25 min durch. Ich biss mich gedanklich in den Hintern und nahm die „Verfolgung“ auf. Alle Läufer, die ich auf den nächsten Kilometern überholte, sowie alle Zuschauer wunderten sich über den „Verrückten“, welcher wie von der Tarantel gestochen über den Trail rannte. An der Kölner Hütte musste ich schließlich völlig erschöpft und entnervt aufgeben. 25 min Vorsprung waren logischerweise viel zu viel. Ich schickte einen verzweifelten Gruß mit der Rassel auf den Berg, welchen die Läufer hochkletterten. Die längste Etappe und keiner der anfeuert, ich wäre als Läufer echt sauer gewesen.
Wir fuhren nach Samnaun, orientierten uns, beklatschten die einlaufenden glücklichen Läufer und positionierten uns noch einmal an der Strecke. Andrea kam viel zu zeitig und hatte ein super Tempo drauf (zweitbeste Zwischenzeit auf dem letzten Abschnitt!). Nach 8:37 h konnte ich sie glücklich in die Arme schließen!

DANKE an mein Betreuungsteam, insbesondere an Tilo, der echt harte Arbeit leistete. Er hatte es nicht immer leicht mit mir, während dieser 4 Tage.
DANKE auch für die vielen motivierenden SMSn, insbesondere Danke an meine Mutti und Renate, die zu Hause am Computer den ganzen Tag lang per Internet den 4Trail verfolgten.
DANKE an alle die mir die Daumen gedrückt haben.
DANKE an Steffen und Ralf die mir im Training tolle Bergstrecken raussuchten und mit mir gelaufen sind.
DANKE an Bernd, der mich aus dem größten Tief vor dem Start rausholte und mir die Zuversicht buchstäblich in die Beine meißelte.

Fazit: Für solch einen Trail ist mehr nötig als „nur“ Ausdauer. Lange Läufe und Bergtraining (nicht nur bergauf, vor allem auch bergab!) sind eben so wichtig wie Mentaltraining. Eine gute Trittsicherheit und Orientierungsvermögen sind notwendig. Je mehr Erfahrungen man bei Bergwettkämpfen sammeln konnte, desto besser können mentale Tiefs überwunden werden. Ein Ganzkörpertraining ist ausgesprochen hilfreich. Arme und Rückenmuskeln werden stark beansprucht. Ebenfalls wichtig ist richtiges Schuhwerk. Mit Blasen an den Füßen wird alles zur Qual.

Am Morgen der 3. Etappe bat ich Tilo inständig darum: „Sollte ich jemals den Wunsch äußern, so etwas zu wiederholen, musst du mich unbedingt davon abbringen! Das ist echt viiiiiel zu hart für mich!!!“
Ehrlich – heute (3 Tage nach Zieleinlauf) würde ich so etwas niemals sagen! J

Tilo: Auch die 4 Trails haben gezeigt, dass für einen Etappenlauf mit solchen Dimensionen noch einmal andere Regeln gelten als für einen „normalen“ Ultralauf. Das zeigten wieder einmal die langen morgendlichen Schlangen am Zelt des Rescue- Teams, andererseits die lange Liste der Ausfälle (unter anderem die Gesamtführende Gabi Steigmeier). Wer erfolgreich finishen will braucht nicht nur gutes Training vorher(bergab laufen trainieren!; Mit Stöcken und Rucksack laufen ebenfalls), sondern auch ein Quäntchen Glück, und vor allem mentale Willensstärke, um die unweigerlich auftauchenden „Tiefs“ zu überwinden.


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Lass dich nicht gehen – geh selbst! Magda Bentrup

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