Ultramarathon Bottrop Herbstwaldlauf 2011

Inspiriert von Andreas Meisterleistung beim Salamon 4 Trails hatte ich das dringende Bedürfnis, noch in diesem Jahr einen außergewöhnlichen und besonders anspruchsvollen Lauf zu absolvieren. Da ich schon den Ruf der „Bergziege“ weghabe, wäre mir ein toller Gebirgslauf am liebsten gewesen. Nur wo trainiert man dafür in Holland??? Als Andrea mir ihren Trainingsplan in Stichworten geschildert hatte, mußte ich ohnehin klein bei geben. So ein Projekt braucht lange und intensive Vorbereitung und mehr als nur Lauftraining. Also mußte ein Plan B her. Der fand sich im 50 km Ultramarathon in Bottrop sehr gut, weil ich im selben Monat das 50. Lebensjahr vollendete und auch glaubte, den Lauf in fünf Stunden schaffen zu können. Das schien mir ein ausreichend ambitioniertes Ziel und so nahmen wir, Michiel und ich, diesen Lauf auf unsere Agenda.

Systematisch dehnten wir unsere sonntäglichen Trainingsläufe von 26 bis auf ca. 37 km aus, auch wenn das oft schwer fiel. Zusätzlich versuchten wir in der Woche drei, aber wenigstens zwei Mal zu laufen. In der Trainingsphase stieg mein Arbeitspensum drastisch an und mehrtägige Dienstreisen häuften sich. Beides zehrte sehr an den Kräften. Dank Austausch mit Andrea konnte ich im inneren Frieden mit mir das Zeitziel von 5 Stunden aufgeben und faßte 5:30 ins Auge. So rückte der 6 November immer näher und die Spannung stieg. Dazu kamen dann noch ein paar gesundheitliche Probleme. Ich wurde immer skeptischer. Aber ich hatte mir selbst den nötigen Druck verschafft, indem viele Leute von meinem Vorhaben wußten und mitfieberten. Am Ende bot meine Chefin sogar noch an, sich an den Wendepunkt zu stellen, den Hemdchenwechsel und die private Verpflegung zu übernehmen. Ich konnte also gar nicht mehr schwächeln.

Am Abend des 5. November reisten wir zusammen mit Kerstin in Bottrop an. Wir bezogen Quartier im Sportlerheim (EUR 10/Nacht und Nase), gingen noch Pasta essen und dann beizeiten ins Bett. Am Morgen bereiteten wir uns zum ersten Mal Kerstins Frühstücksbrei mit Quark und Haferflocken zu. Eigentlich experimentiert man vor so einem Lauf nicht, aber wir taten es einfach und alles ging gut. Keine Völlegefühl, kein Hunger, wunderbar. Wir fuhren zum Start. Es war noch sehr kühl, aber es zeichnete sich schon ab, dass die Sonne sich durchsetzen würde. Michiel entschied sich „kurz“ zu laufen, während ich ¾-Hose, langes Shirt und Weste vorzog.

Pünktlich um 9 Uhr fiel der Startschuss und ca. 280 Läufer gingen auf die 50 km Distanz. Wir kennen die Strecke vom Lauf in 2010. Wie der Name schon sagt, führt sie durch den Herbstwald, der sich wieder in schönster Farbe zeigte, vorbei an Seen, über Lichtungen – lange Weile kommt für Freunde der Natur nicht auf. Wir hatten uns überlegt, in 5 km-Abschnitten zu denken, damit die Motivation hält. Entlang der Strecke ist jeder einzelne Kilometer ausgeschildert, aber das versuchte ich zu ignorieren. Die 5 km-Marke kam schnell, 10 % geschafft! Bei km 8 zwang mich der Darm ins Gebüsch. Seit einigen Wochen kämpfe ich auf langen Strecken mit Durchfall-Attacken, ohne den Grund dafür zu finden. Vor dem Lauf hatte ich noch Immodium geschluckt, aber nun wußte ich, dass auch das nicht hilft. Wieder auf der Strecke mußte ich noch einmal alle die Läufer überholen, die ich schon hinter mir gelassen hatte. Ich hatte gerade meinen Platz im Läuferfeld wieder gefunden, als ich bei km 19 erneut und unmittelbar im Busch verschwinden mußte. Der Sprung über einen Graben glückte gerade so, mein Zopf verfing sich im Brombeergestrüpp und ich war wütend und sauer auf mich selbst. Was mache ich eigentlich hier? Zum Glück bauten mich die netten Helfer an den Verpflegungspunkten immer wieder ein bißchen auf. Bei km 20 fing ich dennoch an, über eine Aufgabe am Ende der ersten Runde nachzudenken. Ich fühlte mich leer, kraftlos und kaputt und dieses Gefühl steigerte sich, je näher ich dem Ende der ersten Runde kam. Etwa bei km 22 traf ich Michiel auf der Gegenspur. Er war ganz verzweifelt, weil Martina (meine Chefin) nicht mit trockenem Hemd und vor allem den Gels am verabredeten Punkt gestanden hatte. Kurzes Doping (Kuss) und wir liefen voneinander weg. Zum Glück entdeckte ich Martina direkt in der engen Wendekurve. Als Nichtläuferin konnte sie nicht wissen, welchen Tunnelblick der gemeine Läufer hat und wie schwer man jemanden erkennt, der nicht genau da steht, wo es verabredet war. Schnell wechselte ich das Trikot, steckt mir ein paar Stücken Schokolade in dem Mund, nahm einen Schluck Wasser hinterher, packte neue Gels ein und ging in die zweite Runde. Hatte ich an Aufgeben gedacht? Nein, wieso denn.

Sylvia 1

Sylvia 1

Von nun an lief ich wieder leichter und fühlte mich auch besser. Die Kilometer schmolzen dahin. Ich stellte meine Kopfrechenspiele vom 5 km Abschnitten auf Prozente um. Ein Kilometer sind zwei Prozent, so baut sich der Berg gut ab. Noch einmal und nun zum letzten Mal muss ich im Gebüsch verschwinden, wie ärgerlich. Wieder werde ich überholt und muss mich erneut von hinten nach vorn arbeiten. Das Läuferfeld ist schon recht dünn geworden und sicher weit auseinander gezogen. Die Helfer an den Ständen jubeln den Läufern schon von Weitem entgegen und haben immer ein paar motivierende Sprüche auf Lager. Das tut gut. Als ich gerade errechne, dass ich 74% geschafft habe, kommt mir Martina auf einer Waldlichtung entgegen. Nachdem sie mich bei km 25 versorgt hatte, war sie schnell ins Auto gesprungen, um Michiel an der Strecke abzupassen und ihm seine Gels und Schokolade zu reichen. Das beeindruckte mich doch sehr, denn bei einem Waldlauf ist das nicht ganz einfach. Und nun bekam ich noch einmal meine ganz persönliche Betreuung. Mir wurde klar, dass ich mich auf der zweiten Runde zwar besser fühlte, aber dennoch keineswegs schneller unterwegs war. Die 42 km-Marke passierte ich bei 4:23:xx. So langsam war ich noch bei keinem Marathon. Aber ich nahm es gelassen. Inzwischen lief ich einsam zwischen vielen Sonntagsspaziergängern, welche die Läufer nur kopfschüttelnd musterten. 50 km – nur Verrückte! Irgendwann hängte sich hinter mir eine Läuferin fest, die kaugummikauend vor sich hin schlurfte und sich zwei Schritte hinter mir ganz wohl zu fühlen schien. Sie machte keine Anstalten vor zu kommen und auch ‚mal zu ziehen. Also zog ich an und hängte sie ab. Ich lief schon in der guten Gewissheit mein Ziel 5:30 zu schaffen und war auf den letzten Kilometern bester Laune. Eine junge Frau gesellte sich zu mir und wir wechselten uns im Tempo machen ab. An der letzten Steigung wurde sie von Freundinnen mit einer Laola-Welle begrüßt, die mich gleich mitnahm. Dann kam das letzte kurze Stück Asphaltstraße in Sicht, die Kurve, die Zielgeraden…. Michiel hatte den Sprecher gebrieft und so bekam ich meine ganz persönliche Ansage, Gänsehaut am ganzen Körper, jede Menge Adrenalin ins Blut, riss jubelnd die Arme hoch und kam glücklich ins Ziel.

Sylvia 02

im Ziel

Die Sanitäterin prüft mein Befinden per Blickkontakt, ein Helfer stülpt mir den wärmenden Plastiksack über, ein anderer hängt mir die Medaille um den Hals und schon ist der große Lauf vorbei. Kerstin, Martina und Michiel nehmen mich in Empfang. Ich kann noch gar nicht fassen, dass ich es wirklich geschafft habe. Bevor mir wirklich kalt wird, gehe ich zum Duschen in den „weißen Kauer“, die Umkleiden und Duschen der Kohlekumpel. In der Kantine ist das Kuchenbuffet schon leer gegessen. Man muss halt schneller laufen, wenn man da etwas abhaben will. Aber es gibt noch Kaffe und wir haben selbst ein paar Muffins. Lange halten wir es nicht mehr aus, dann chauffiert uns Kerstin zurück nach Roermond.

Bestimmt laufe ich diese Strecke im nächsten Jahr wieder.

Sylvia Schubert


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War der Lauf nicht dein Freund, war er dein Lehrer. Ilona Schlegel

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