Untertagemarathon 2014

(weltweit einziger Marathon 700 m unter Tage)

Mir ist heiß, verdammt heiß. Um mich herum nur Felsen, Salz und dunkle Röhren. Salz an der Decke, Salz an den Wänden und irgendwann auch im Mund. Ich habe schon 35 km weg. Wo ist die nächste Wasserstelle? Ich trinke ganz genau alle 3,5 km. Ich befinde mich 700 m unter der Erde, trage einen Helm und laufe einen Marathon…

Als ich vor ein paar Monaten Alexander meine Absicht bekundete dort zu laufen war er sofort begeistert. Und auch Kerstin war sofort Feuer und Flamme. Freute Sie sich doch bestimmt wieder auf viele neue Fotomotive. Obwohl ich Ende des Sommers ein wenig verletzt war kam ich die letzten Wochen gut in Fahrt. Mehrere 30 km Läufe progressiv gelaufen gaben mir Zuversicht. Einzig das Laufen mit Helm machte mir ein wenig Kopfzerbrechen. Eigentlich wollten wir mal am Borsberg einen Testlauf mit Helm absolvieren, kriegten es aber zeitlich nicht hin. So blieben mir nur ein paar Streakpflichtläufe mit Helm.

In der Ausschreibung das Übliche: Die extremen Bedingungen unter Tage (26°C und nur 30% Luftfeuchtigkeit) fordern von den Aktiven höchste physische und psychische Leistungen ab. Nur sehr gut trainierte Läuferinnen und Läufer sollten sich dieser wohl härtesten Marathonstrecke stellen. (bla,bla,bla-dachte ich)

Was ein Marathon ist weiß ich, 26 Grad kenne ich, 1000 HM kenne ich. Aber die 30 % Luftfeuchte stimmten mich etwas bedenklich.

Wir fuhren um 6:00 Uhr los und waren gegen 8:15 Uhr in Sondershausen. Wir sahen schon eine lange Schlange vor der Schachteinfahrt. Nachdem wir im Verwaltungsgebäude unsere Startunterlagen geholten hatten reihten wir uns in die Schlange ein. Überall waren die Leute noch am futtern. An den Autokennzeichen erkannten wir die internationale Teilnehmerschaft (17 Nationen). Dann ist er da: Der drei(!)-stöckige Liftkäfig. Ein Geschoss nach dem anderen wird befüllt, bevor es auf Tour geht. Pro Geschoss haben etwa 15 Personen Platz. Wobei der Begriff „Platz“ die Wirklichkeit nicht ganz zutreffend beschreibt. Denn mit unserem Gepäck sind wir eingezwängt wie Sardinen in der Dose. Um uns herum: Metallgitter. Die Aufzugtür: Ein dicker Kunststoffvorhang, der beim Ein- und Ausstieg hochgezogen wird. Kaum Zeit habe ich, mich an die Situation zu gewöhnen. Schon fällt der Vorhang, Schläge ertönen, ein Ruck geht durch den Aufzug, ich spüre die Bewegung. Sofort wird es dunkel. Alles verstummt. Das Abenteuer beginnt.

Gleichmäßig und ruhiger als gedacht geht es hinab, 700 Meter weit, etwa vier (geschätzte) Minuten lang. Ab und an lässt ein von irgendwoher flackerndes Licht einen kurzen Blick auf die nackte Wand der Aufzugröhre erhaschen. Die Spannung löst sich ein wenig, Lachen ertönt. Schnell wird es wärmer. Ein weiterer Ruck: Wir sind angekommen. Scheppernd wird der Vorhang hochzugezogen. Und als erstes empfängt mich eine Hitzewand. Oh je, denke ich mir nur. Eine Kapelle spielt Bergmannslieder…

Jetzt kommen die üblichen Rituale. Umziehen, Toilette, trinken, Toilette. Auf die Erwärmung und das Lauf ABC verzichten wir. Automatisch kommen wir mit anderen Läufern ins Gespräch. Die große Frage für mich ist wie viel länger braucht man hier als oben auf der Straße. Einer sagte uns eine Stunde, ein anderer eine halbe. Die Wahrheit liegt vielleicht irgendwo in der Mitte. Ich spreche eine Gruppe von Läufern mit Rucksäcken an. Sie sagten sie machen hier einen Trainingslauf für den Marathon Des Sables in Marocco durch die Wüste.

10:00 Uhr sollte Start sein. Der Start verzögert sich da immer noch Sportler oben auf die Einfahrt warten. Dann 10:20 geht es los. Wie immer stehen wir vorn. Vielleicht können wir nicht anders 🙂 Es gilt 12 Runden zu laufen a 3,5 km. In der Summe kommen wir auf etwas über 1000 HM. Es kommen richtig schnelle Bergabpassagen und langgezogene Anstiege. Laut meinem Rundenzettel lege ich die erste Runde mit einer Pace von 4:44 zurück. Nach einer halben Runde kommt eine Getränkestation. Dort hat auch ein Schweizer DJ seine Boxen aufgebaut und sorgt für Stimmung. Ich trinke auf jeder Runde immer nur einmal. 12 mal also insgesamt.

Es gibt kleinere Abschnitte welche richtig dunkel sind. Unterwegs musste ich einige male an die eingeschlossenen Kumpel damals in Chile denken. Viele laufen mit Kopflampe. Ich hatte gehört, da wo es dunkel ist besteht keine Gefahr,ebener sandiger Boden.

Eines stelle ich wieder fest. Wer fit aussieht und topp eingekleidet ist muss nicht unbedingt fit sein… Die ersten überhole ich in der zweiten Runde am Anstieg. Von oben bis unten in teurer Salomonkleidung und sie gehen schon in der 2. Runde.

Kerstin ging die Runde zu Fuß ab und entdeckte mit Sicherheit viel zum fotografieren. Ich hatte nur wenig Muße nach rechts und links zu schauen. Musste man doch immer den Weg im Auge behalten. In den Seitenschächten standen Maschinen und Werkzeuge mit einer dicken Schicht von Staub und Salz überzogen. Es wirkte wie eine Reise in eine andere Zeit. Manchmal war man ganz allein und manchmal inmitten einer Gruppe.

Nach jeder Runde wird die aktuelle Platzierung und die noch offenen Runden auf einer großen Leinwand angezeigt. Ich starte mit Platz 24 nach der ersten und bin am Schluss auf Platz 19 in der Gesamtwertung. Wie sehr alles auf Kante war merkte ich erst im Ziel. Mir war schwummrig und ich musste mich setzen und etwas trinken.

Alex hatte mit den Waden Probleme. Er bekam Krämpfe. Trotzdem belegte er noch den 5. Platz in seiner AK. Die anschließende Siegerehrung fand im großen Festsaal unter Tage statt. Die Fahnen von allen beteiligten Nationen schmückten die Bühne.

Die Sponsoren hielten eine Rede und insgesamt war es sehr feierlich. Anschließend stimmten alle 2 Strophen des alten Bergmannsliedes an. Dabei hatte ich eine richtige Gänsehaut…

Glück auf! Glück auf! Der Steiger kommt.
Und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
schon angezündt.

Schon angezündt! Das wirft seinen Schein,
und damit so fahren wir bei der Nacht,
ins Bergwerk ein.

Da ich den 2. Platz in meiner AK hatte bekam ich meinen ersten Pokal! Es war ein Salzkristall mit einer Gravur. Anschließend fuhren wir wieder nach oben. Oben meldeten sich als erstes die Handys, daß sie wieder empfangsbereit sind 🙂

Wir aßen noch ein Schnittchen und tranken ein Bier auf dem Parkplatz.

Der Untertage-Marathon in Sondershausen ist hart, beinhart – aber ein einmaliges, tolles, unvergessliches Erlebnis, bestens organisiert und betreut und für Freunde des „besonderen“ Marathonerlebnisses ein absolutes Muss. Er wurde dieses Jahr das letzte mal ausgetragen.

Ein gutes Laufjahr geht zu Ende. Es begann mit 169 Runden im Januar in der Halle und endete mit 12 Runden unter Tage. In der Summe fast 20 Wettkämpfe. Stadtrangliste wieder Platz 1 und Bezirksrangliste Platz 2.

Ich glaube das streaken bekommt mir ganz gut. War übrigens Tag 497…

Frank Jürries


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