White Nights Marathon St. Petersburg 2014

Zu Russland hatte ich immer ein ambivalentes Verhältnis. Ganz einfach zu bereisen war es ja nie. Hinzu kam noch die Altlast der Sowjetpropaganda. In diesem Jahr hatte ich ein Luxusproblem bei der Marathonplanung, durch langen trainingsfreien Urlaub im April passte erst ein Termin Ende Juni. So kam ich auf die Idee in St. Petersburg zu laufen. Schulz-aktiv-Reisen bietet eine 5-tägige Laufreise mit vollem Kulturprogramm an. Der Zeitpunkt war noch aus einem weiteren Grund günstig: St. Petersburg, die nördlichste Millionenstadt wird jedes Jahr im Juni mit dem Naturereignis der Weißen Nächte zu einem ganz besonderen Schauplatz.

Gleich am ersten Abend bei einer Bootstour auf der Newa und den Kanälen war ich von der Pracht der Stadt tief beeindruckt. Die erst gegen Mitternacht für nur kurze Zeit untergehende Sonne, die ausgelassene Stimmung auf der Straße und das Öffnen der Brücken mit anschließender Durchfahrt großer Schiffe überwältigten mich dann vollends. Stadtrundfahrt, Eremitagebesuch, Bootsausflug nach Peterhof, dem Versailles des Nordens und mehrere Spaziergänge rundeten den Kulturmarathon die nächsten beiden Tage ab. Zahlreiche große Meister des Barocks und Klassizismus verliehen der Stadt im Verlauf der Jahrhunderte abwechslungsreiches Aussehen insbesondere durch die an der Macht befindlichen Zaren Peter der Große und Katharina die Große beeinflusst. Von diesem Glanz alter Zeiten ist vieles erhalten und bewahrt. Gestaunt habe ich, dass nur sehr wenig Verfall und praktisch keine neuzeitigen Bausünden das Bild trüben. Das optimale Wetter, nicht zu warm, mit viel Sonne passte wunderbar, auch für den Lauf.

Knapp 5000 Starter sammelten sich Sonntagmorgen auf dem riesigen Schlossplatz, davon reichlich 2000 Marathonis, die anderen sind 10 km unterwegs. Vorbei an Palästen Denkmälern, Kirchen über viele Brücken oft an Flüssen und Kanälen entlang führt der Rundkurs. Die Organisation ist perfekt, Zuschauer sind nur punktuell an der Strecke, der Lauf wird von den Einheimischen kaum angenommen, originell sind die „lebenden“ Kilometermarkierungen. Die Strecke wird gut von der Polizei gesperrt und gesichert, Auto- und Busfahrer schienen davon teilweise überrascht worden zu sein. Vorbei geht es auch am Panzerkreuzer Aurora, dessen Kanonenschuss zu Beginn der Oktoberrevolution inzwischen genauso bezweifelt wird wie der „Sturm auf das Winterpalais“. Egal ob Realität oder Mythos, die besonders schönen letzten Kilometer des Marathons waren ja ein persönlicher Sturm auf den Schlossplatz vor dem Winterpalais. Das war wieder ein Gänsehautgefühl mit vielen Endorphinen. Da ich auf Grund verschiedener anderer Aktivitäten meinen Trainingsplan diesmal nur teilweise erfüllen konnte, war mir klar, dass ich diesmal etwas langsamer als sonst sein würde. Ich begann aber wie immer, mit 5 min pro Kilometer und schaffte die Hälfte in 1:44 h, auf der zweiten Hälfte kam auch kein Durchhänger und ich war im Ziel bei 3:31 h auch nur wenige Minuten langsamer als sonst und auf Platz 479 zufrieden und glücklich. Durch großen Zufall traf ich noch Freunde auf dem Weg und wir genossen den schönen Nachmittag im Biergarten. Abends ging es noch in eine traditionelle russische Sauna und meine Reisegruppe versuchten durch Schlagen mit Birkenzweigen die müden Muskeln zu beleben. Fazit: Eine sehr schöne, sehr intensive Reise.

Reiner Oertel


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

„Begeisterung ist der nie erlahmende Impuls, der uns beharrlich unser Ziel verfolgen lässt.“ Norman Vincent Peale

Letzte Beiträge

Suche